Von AGMS zu CROSS & GROOOVE
Die Geschichte hinter dem Netzwerk
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 1/2026 von Musik+message, dem Magazin für Christliche Popularmusik: https://www.popularmusikverband.de/magazin/online-lesen/
Die Zeitschrift ist zu beziehen über den Popularmusikverband der Ev.-Luth. Landeskirche Bayerns: https://www.popularmusikverband.de/magazin/abonnement/
CROSS & GROOOVE: Das neue Netzwerk für Christliche Popularmusik in Sachsen verbindet die bewährte Professionalität der Kirchenmusik mit dem frischen Innovationsgeist der Jugendmusik – und rahmt beides in eine optisch ansprechende, einladende Marke ein. Beim ersten Inspirationstag „CONNECT“ im April 2026 wurde dieser Anspruch lebendig erfahrbar. In Workshops, Vorträgen und offenen Diskussionen entstanden Begegnungsräume für Akteure, die sonst selten aufeinandertreffen. „Ich konnte heute mit Menschen sprechen, denen ich sonst nie begegnet wäre“, sagt ein Teilnehmer, während er seine Gitarre schultert. Im Zentrum stand eine Frage, die weit über den Tag hinausreicht: Welche Rolle kann Popularmusik in der Kirche von morgen spielen – und wie missionarisch darf sie dabei sein? Am Abend zeigte die Stuttgarter Band Weida & Mohns eindrucksvoll, wie Pop traditionelle Choräle neu zum Leuchten bringen kann.
CONNECT markiert den ersten Höhepunkt einer Geschichte, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht. Damals übernahmen Arbeitsgemeinschaften Musik (AGM) die Aufgabe, „Beat und Rock“ in die landeskirchlichen Strukturen einzubringen. Es lag nahe, dass dieser popmusikalische Aktivismus im Umfeld der Landesjugendpfarrämter entstand, wo ein enormes Innovationspotenzial schlummerte. Schließlich war es seit jeher insbesondere die Jugend, die sich an aktuellen musikalischen Trends orientierte. Die etablierte Kirchenmusik mit ihren gewachsenen Strukturen – von Palestrina bis zur klassischen Moderne – hatte sich Groove-basierter Musik noch nicht geöffnet. In Sachsen begannen die Anfänge mit Offenen Abenden und Konzerten der kirchlichen Jugendarbeit. Besonders einflussreich waren die „Gottesdienste einmal anders“ und die Jugendgottesdienste in Chemnitz, die der Theologe und Evangelist Theo Lehmann initiierte. Hier trugen Liedermacher und Bands neue Sounds und Melodien in kirchliche Räume.
Die AGMS als Think-Tank. 1988 wurde die AGM Ost gegründet und so entstanden in den 1990er Jahren auch auf ostdeutschem Gebiet lokale Arbeitsgemeinschaften, die Projekte und Fortbildungen organisierten und die Szene vernetzten. Auch die Arbeitsgemeinschaft Musik in Sachsen (AGMS) versammelte Pop- und Rock-Engagierte auf Landesebene in einer Art Think-Tank, um vor allem Jugendgruppen und Bands zu unterstützen. Als Beispiel sei das Liederheft „Aufbruch“ genannt, mit dem der Liedermacher und Singwart Wolfgang Tost eine ganze Generation junger Gemeinden musikalisch geprägt hat. Thomas Feist, der im Dresdner Landesjugendpfarramt schwerpunktmäßig für Bandarbeit zuständig war, schuf mit crossover ein Projekt von überregionaler Strahlkraft. Unter dieser Marke netzwerkte sich die bunte und ausdifferenzierte Bandszene der 1990er bis 2010er Jahre. Feist gab ein gleichnamiges Fanzine heraus, in dem er mit einem journalistischen Redaktionsteam Konzerte und Tonträger rezensierte. Der Bundesverband kulturelle Jugendarbeit (bka), der crossover verantwortete, hob zwei Säulen hervor: Rezensionen von Tonträgern und Konzerten sowie Informationsvermittlung zu bevorstehenden Events, Fördermöglichkeiten und Weiterbildungen. Das Projekt wurde 2017 beendet, inspirierte die AGMS jedoch weiter.
Neuer Impuls ab 2018. Eine neue Generation von Pop-Rock-Begeisterten belebte die AGMS seit 2018. In regelmäßigen Treffen diskutierten sie über Ausbildungswege, aktuelle Projekte und landeskirchliche Bedarfe: Wie kann man sich weiterbilden? Welche Pop-Initiativen starten gerade? Wo drückt der Schuh? 2021 gab Carsten Hauptmanns Wechsel ins Landesjugendpfarramt diesem Prozess neuen Schwung. Die Gruppe erkannte: Um wirksam zu werden, muss sie nach außen kommunizieren, neue Schritte gehen und Gleichgesinnte im Bereich Christlicher Popularmusik sammeln. Dazu war eine klare Positionierung essenziell: Was eint uns? Welche Ziele verfolgen wir? Und was treibt unser – größtenteils ehrenamtliches – Engagement an?
Mission Statements. In einem längeren Prozess orientierte sich die AGMS an den Prinzipien des „Golden Circle“ von Simon Sinek und destillierte fünf zentrale Grundlagen ihres Handelns:
- Wir glauben an das Potenzial Christlicher Popularmusik im Hinblick auf Verkündigung, Beteiligung und Zugang zum Glauben.
- Wir stehen für eine Kirche, die ein Herz für Christliche Popularmusik hat.
- Wir feiern die Vielfalt der Anbetung Gottes in den Gemeinden.
- Wir fördern eine musikalische Kultur der Wertschätzung und der Freude an Qualität.
- Wir stärken Akteure der Christlichen Popularmusik durch Vernetzung, Wissen und Ressourcen.
Diese WHYs legten den Grundstein für alle weiteren Schritte, in der Hoffnung, dass viele Engagierte diese Aussagen teilen und mittragen würden.
Das WIE sollte geprägt sein durch eine professionelle und inspirierende Markensprache, in der sich Ehrenamtliche wie Hauptberufliche gleichermaßen wiederfinden können. So entstand zwischen 2024 und 2025 die Marke CROSS & GROOOVE mit ihrer visuellen Kraft. Ein professioneller Designer goss das inhaltliche Profil in eine zeitgemäße Form. „CROSS“ steht für das christliche Profil, „GROOOVE“ für groovebasierte Musikvielfalt – offen für Stile wie Pop, Rock oder Jazz. Die englischen Begriffe unterstreichen den internationalen Pop-Kontext, in dem musikalische und technische Termini oft englisch sind. Farbkonzept und Schriftarten wurzeln im Corporate Design der Evangelischen Jugend Sachsen, die Anordnung der O in „GROOOVE“ leitet sich vom Logo der Landeskirche ab. Damit vermittelt die Marke präzise, was das Netzwerk ist: eine dynamische Bewegung in der sächsischen Landeskirche, verantwortet im Landesjugendpfarramt.
Das WAS: Konkrete Schritte. Nach dem WARUM und WIE wurde konkretisiert, wie Christliche Popularmusik in Sachsen gestärkt, vernetzt und sichtbar gemacht werden kann. Ein Internetportal mit interaktiver Landkarte – inspiriert von der Musicmap des Popularmusikverbands – macht seit Mai 2025 Akteure der sächsischen Szene sichtbar und ansprechbar. Ab September 2025 starteten Online-Stammtische, in denen das CROSS & GROOOVE-Team Experten zu relevanten Themen einlud: Urheberrecht, CCLI und einem Gespräch über die Entwicklung als Musiker im Popkontext; diese Reihe soll 2026 fortgesetzt werden, da sie spontan, ressourcenschonend und aufzeichnungsfähig ist. Ein Besuch der SymPOP in Berlin weckte die Idee für einen eigenen Fach- und Netzwerktag in Sachsen – „CONNECT“ –, mit dem obersten Ziel, Engagierte zu stärken und Popularmusik in Gemeinden zu verankern.
Ein Experiment mit Zukunft. CROSS & GROOOVE ist ein mutiges Experiment, getragen von der Hoffnung, in Zeiten schwindender kirchlicher Ressourcen Zugehörigkeit zu schaffen, Menschen zu sammeln und Leidenschaften für Christliche Popularmusik in einer Community zu bündeln. Es richtet sich an jene, die Popularmusik in Kirchen gestalten, sich aber nicht primär als Kirchenmusiker verstehen. In Sachsen fehlen Stellen mit popularmusikalischem Profil und die Bandlandschaft ist magerer als in crossover-Zeiten; dennoch entstehen immer wieder neue Formationen neben langjährigen Ensembles. Evangelikal geprägte Leuchtturm-Events mit professionellem Setup prägen die Szene, vorab Praise & Worship in Südsachsen. Junge Festivals wie das C-Festival – erstmalig 2025 im Rahmen der Kulturhauptstadt Chemnitz – bieten lokalen Akteuren große Bühnen. Ausbildungswege reichen von der Hochschule für Kirchenmusik Dresden (Kirchenmusik C, ab 2026 auch im B-Diplom mit Schwerpunkt Jazz/Rock/Pop) über christliche Musikschulen bis zu projektbasierten Workshops der Arbeitsstelle Kirchenmusik, des Landesjugendpfarramts und der Kirchenbezirke. Genau hier vernetzt CROSS & GROOOVE diese vielfältige Szene und rückt sie kirchenpolitisch in den Blick. So entsteht ein fruchtbares Spannungsfeld zwischen musisch-kultureller Jugendbildung und konzeptioneller Kirchenmusik-Popular – mit CROSS & GROOOVE als zentralem Scharnier.