Mehr als ein Konzert - ein Musical, das unter die Haut geht!

Kantor Johannes Baldauf im Interview: Wie sein Projektchor die „7 Worte vom Kreuz“ erlebte – und was dabei besonders berührt hat.

CROSS & GROOOVE: Das Chormusical wurde in Chemnitz am Gründonnerstag aufgeführt. Normalerweise feiert man an diesem Tag in der Gemeinde das heilige Abendmahl. Hast Du es vermisst?

Ein gaaaanz wichtiger Punkt schon zu Beginn der Planungsphase! Als die Terminierung des Chormusicals in Chemnitz auf Gründonnerstag fiel, habe ich sofort meine Bedenken an die Creative Kirche rückgemeldet. In Sachsen finden da überall die Tischabendmahle statt. Sollten die "7 Worte" wirklich dazu in Konkurrenz treten? Und es wurde ein Kompromiss gefunden: Die Veranstaltung in der Messehalle in Chemnitz wurde auf 20.00 Uhr zeitlich nach hinten geschoben. In unsrer Kirchgemeinderegion Limbach-Penig haben wir bewusst eine der hiesigen Tischabendmahlsfeiern auf 18.00 Uhr vorgezogen und zeitlich straff gehalten, damit Gemeindeglieder danach noch die "7 Worte"-Aufführung erleben können. Und auch für die Teilnehmer selber habe ich schon zu Planungsbeginn der Chemnitz-Aufführung die Idee einer Abendmahlsfeier zwischen Generalprobe und Aufführung in den Ring geworfen. Und das durften wir dann tatsächlich auch gemeinsam tun: knapp 800 Chormusical-Teilnehmer feiern gemeinsam Abendmahl in der Chemnitzer Messehalle! Für mich ein ganz starker bewegender und berührender Moment, für den ich sehr dankbar bin.

Ein solch gigantisches Chormusical mit Hunderten Leuten im Chor – was trägt das für die Arbeit in der Gemeinde aus?

Alle, die an den Proben teilgenommen haben, wurden durch die Musik bereichert. Es tut der Seele einfach gut zu singen. In großer Runde kann das besonders elektrisierend wirken. Zwei bis drei Sänger wollen jetzt auch regelmäßig in die Stadtkantorei zum Singen kommen. Und auch für mich war es eine neue Erfahrung, in einem solchen Riesenchor mitzusingen.

Als Kantor sehe ich mich nicht nur für die Menschen verantwortlich, die jede Woche zur Probe kommen, sondern auch für die, welche projektweise singend unterwegs sind.

Die teilnehmenden Chöre waren fast durchweg mit „Projektchor“ bezeichnet. Ist das die neue Form des Singens in der Kirche?

Es ist eine wichtige Form des Singens, die sicherlich nicht neu ist, denn die Arbeit mit Projektchören gibt es schon eine ganze Weile. Ich habe meine Kantorei gefragt, ob wir die "7 Worte" innerhalb unserer Proben machen wollen. Aber dafür gab es keine Mehrheit. So habe ich mich entschieden, dass unser Jugendchor, von dem fast alle in Chemnitz mitsingen wollten und der immer dienstags probt, sich zum Projektchor erweitert. Die Kantorei probt weiterhin donnerstags ihr eigenes Chorprogramm. Als Kantor sehe ich mich nicht nur für die Menschen verantwortlich, die jede Woche zur Probe kommen, sondern auch für die, welche projektweise singend unterwegs sind. Nur so kann ich den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten in der Kirchgemeinde wirklich gerecht werden. Schön wäre es, wenn dieses Nebeneinander von Projektchor und Stadtkantorei nicht als Konkurrenz, sondern als angemessene Ergänzung, besser noch Bereicherung, wahrgenommen wird.

Welche Herausforderungen gab es bei den Proben deines Projektchors?

Hinterher kann ich sagen: es lief super. In den Proben, die bei uns ab Januar begannen, haben wir die Stücke wirklich gut vorbereitet. Allerdings hatte ich anfangs schon Bedenken: Werden wir das alles schaffen? Einen Überraschungspunkt gab es aber jede Woche: wie viele Sängerinnen und Sänger werden heute zur Probe kommen? Das waren manchmal 60, manchmal auch 100. Dann haben wir einfach noch ein paar Stühle gestellt, oder sind in den Stuhlreihen einfach mehr zusammengerutscht. Natürlich gab es viele Sängerinnen und Sänger mit geringer Chorerfahrung. Da konnte es sein, dass eine Stelle, die man für leicht singbar hält, doch noch mehrmals geprobt werden musste.

Aber das gehört zu einem solchen Projekt auch dazu: Leute einzubinden, die bisher mit Chorsingen kaum Erfahrung haben.

Was waren das für Menschen, die in deinem Projektchor mitgesungen haben?

Größtenteils waren es Menschen, die in Chören der Umgebung mitsingen. Und solche, die ich von Chorprojekten aus der Vergangenheit schon kannte. Und diesmal aber wieder auch ein merklicher Anteil von Leuten, die mir bisher unbekannt waren. Und dann noch die, die ich aus dem Gemeindekontext kenne, die mir sagen: "Jede Woche zur Chorprobe kommen schaff ich leider nicht, aber mal zeitlich begrenzt bei einem Projekt mitsingen – das kann ich mir einrichten."

Albert Frey ist bekannt als Songwriter. Wie funktioniert ein Musical mit Lobpreisliedern?

Als ich 2023 erstmals die "7 Worte" beim Essen-kochen anhörte, war mir gar nicht aufgefallen, dass in dem Werk sehr oft das "Worship-Muster" Vers – Refrain – Bridge verarbeitet ist. Bei intensiverer Beschäftigung wird das natürlich klar. Aber ich finde, dass Albert durch die unterschiedlichen Instrumentierungen und die unterschiedlichen Songstile viel Abwechslung schafft, so dass ich selber nicht das Gefühl einer bloßen Aneinanderreihung von Lobpreissongs habe. Zumal die Stücke durch eine inhaltliche Dramaturgie aufeinander Bezug nehmen und inhaltlich miteinander verzahnt sind, so dass man nicht von einer losen Lobpreisliedernummernfolge sprechen kann.

Die „7 Worte vom Kreuz“ sind Bibelworte, die vor allem Insidern bekannt sind. Wie ist das Thema für Menschen umgesetzt worden, die nicht kirchlich sozialisiert sind?

Ich finde, dass Albert Frey seine Texte schon ziemlich zeitgemäß formuliert hat. Neben den 7 biblischen Worten vom Kreuz greift er unzählige Bibelzitate und biblische Anspielungen auf und setzt sie in Beziehung zum Heilsgeschehen am Kreuz. Dabei streift er sehr tiefgehend fast jede denkbare menschliche Lebenssinnfrage: Warum gibt es Leid? Was macht den Menschen Glücklich? Was bleibt von meinem Leben? Wie entkommst du dem irdischen Teufelskreis von Hass und Gewalt? Was ist Freiheit? Und das alles in einer Sprache, die für jeden verständlich ist. Für nicht kirchlich sozialisierte hat die Creative Kirche eine schauspielerische Rahmenhandlung um die einzelnen Songs zugefügt, bei der Ben und Marie die angesprochenen Themen in den Stücken aufgreifen, Verständnisfragen klären und in Beziehung zu ihrer eigenen Biografie stellen. Damit werden die Aussagen Freys sehr in die heutige Lebenswirklichkeit integriert und konkretisiert. Damit ist aus dem ursprünglichem Pop-Oratorium ein Chormusical geworden.

Warum gibt es Leid? Was macht den Menschen Glücklich? Was bleibt von meinem Leben? Wie entkommst du dem irdischen Teufelskreis von Hass und Gewalt? Was ist Freiheit?

Wie war die Reaktion des Publikums in Chemnitz – auch bei Nicht-Christen?

Ich habe eigentlich nur positive Rückmeldungen gehört. Wie es speziell Nichtgläubigen dabei ging, kann ich leider nicht genau sagen. Mancher hat allerdings den allgemein sehr hohen Lautstärkepegel kritisiert. Da kann man sicher geteilter Meinung sein, je nachdem, ob man sonst eher Rock- und Pop-Konzerte, oder eher klassische Musikveranstaltungen besucht.

Welche Rolle spielte die Inszenierung mit Lichtshow, Projektionen und Solisten für die Wirkung?

Lichtshow und Projektionsbilder auf dem überdimensionalen LED-Kreuz haben die Aussagen des Stückes wirkungsvoll unterstützt, sodass aus einem Musikerlebnis ein wirklich eindrucksvolles multimediales Event wurde.

Kann man solch ein großes Musical in der Gemeinde aufführen?

Auf jeden Fall! Seit mich das Stück 2023 förmlich gepackt hatte, habe ich mir genau das vorgenommen: Das Stück einmal selber als Lokalaufführung zum Klingen zu bringen. Sicherlich nicht in Form dieses Messehallen-Großevents, wie wir es jetzt in Chemnitz erlebt haben. Ich bin eigentlich kein "Event-Typ", verschließe mich dem aber auch nicht, vor allem dann nicht, wenn so ein gutes Werk zur Aufführung kommt. Ich selber bin von der Musik der 7 Worte gepackt worden, ohne Lichtshow, ohne LED-Kreuz, ohne Schauspielszenen. Im Grunde sind die 7 Worte ein Pop-Oratorium, das von der Creativen Kirche zum Chor-Musical erweitert und effektvoll mit Licht, Schauspiel und LED-Kreuz in Szene gesetzt wurde. Verzichtet man auf all diese "Zusätze" und lässt das Werk als reines Pop-Oratorium und ohne Bühne erklingen, eignet es sich sehr gut für einen Kirchenraum. Bei dieser reduzierten Fassung büßt die Musik gar nichts von ihrer Aussagekraft ein. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Besetzung mit klassischen Instrumenten und Band flexibel den Möglichkeiten vor Ort anzupassen. Albert ist da sehr offen und meinte: so, wie seine Lieder ganz unterschiedlich besetzt in den Kirchgemeinden gespielt und gesungen werden, so flexibel darf man im Umgang mit dem Notentext der „7 Worte“ sein, wenn es um eine eigene lokale Aufführung geht.

Das hat er textlich und musikalisch so stark verarbeitet, dass sich mir beim Hören und Mitsingen eine tiefe Sehnsucht eröffnet.

Was war dein persönlicher Gänsehaut-Moment?

Da gab es mehrere: Mich bewegt zum einen die nachdenkliche Nr. 8: "Sieh", in der beschrieben wird, wie Jesus am Kreuz seine Mutter Maria und den Jünger Johannes zueinander weist. Der Gänsehautmoment: "Seht, die Mutter der Schmerzen, ein Schwert durch ihr Herz gehn. / Seht den Mann an der Seite, den er so sehr liebte, er bleibt bis zum Ende." Was für zwei starke Persönlichkeiten, die nicht vor Leid und Schmerzen flüchten, sondern es gemeinsam mit Jesus durchstehen! Außerdem: der Schlusston von Nr. 16: "Der Vorhang ist zerrissen". Dieser steht am Ende einer dramatischen a-Moll-Pseudofuge als kräftiger, strahlender Dur-Akkord auf dem "frei" gesungen wird. So klingt bei Albert Frey Freiheit: nichts Trennendes steht mehr zwischen Gott und Mensch, jeder hat unmittelbaren Zugang zu Gott. Der Weg zu ihm ist FREI. Auch das Stück "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist" berührt mich tief. Albert thematisiert darin das Loslassen und Übergeben des gesamten Lebens in Gottes Hände. Das hat er textlich und musikalisch so stark verarbeitet, dass sich mir beim Hören und Mitsingen eine tiefe Sehnsucht eröffnet: so möchte ich auch einmal sterben können. Und wenn schon so sterben, dann am besten auch gleich heute so leben. Jetzt, sofort, für immer und alles aus Gottes Hand empfangen und in Gottes Hände legen.

Das Interview führte Carsten Hauptmann.

Die Fotos wurden verwendet unter freundlicher Genehmigung der Creativen Kirche. Mehr Bilder vom Konzert in Chemnitz gibt es hier: https://www.chormusicals.de/artikel/eindruecke-aus-chemnitz

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