Hallelujah, Sailing, Ist da jemand?
Vortrag im Rahmen der EVLKS-Tagung zum Erprobungsband im Februar 2026
Im neuen evangelischen Gesangbuch (EGn) entsteht eine kleine Gruppe von säkularen Popsongs mit religiösen Bezügen, die bewusst neben klassischen Kirchenliedern und geistlichen Popsongs platziert werden soll. Auf einer Auswahlliste, über die der Liedausschuss der Gesangbuchkommission entscheidet, befinden sich u.a. Leonhard Cohens „Halleluja“, „Ist da jemand“ von Adel Tawil oder „Tears in Heaven“ von Eric Clapton. Es ist noch offen, welche Songs endgültig im EGn abgedruckt werden, bzw. in der zugehörigen Lieddatenbank gelistet sind. Es ist zu erörtern, welche Argumente für die Aufnahme solchen Liedguts in ein kirchliches Gesangbuch sprechen, denn dieser progressive und liberale Ansatz, den die Gesangbuchkommission verfolgt, kann verständlicherweise Irritationen und Widersprüche auslösen, entbehren diese Songs doch explizit christlicher Sprache und Symbolik. Zudem sind die am Kompositionsprozess beteiligten Autoren häufig keine Christen und haben ihre Songs dementsprechend auch nicht geistlich gemeint. Mindestens muss also die Frage nach einer vermeintlichen Vereinnahmung geklärt werden.
Generell ist zu konstatieren, dass die Aufnahme von Liedern in eine Sammlung wie das neue Gesangbuch zwei Effekte hat: Zugang und Repräsentanz. Erstens werden die praktischen Hürden abgebaut, diese Lieder in liturgische Vollzüge einzubinden: Die Songs sind zugänglich in Text, Musik und Bearbeitungen für Ensembles. Damit sind sie auch rechtssicher verfügbar. Man findet sie beim Stöbern und stolpert über sie bei der Recherche in der thematisch-musikalischen Vorbereitung für Veranstaltungen. Zweitens repräsentieren Lieder und Gesänge eine bestimmte Gruppe von Menschen mit ihrer Frömmigkeit und ihrer Haltung zu Glaube und Sinnsuche. Indem auch säkulare Popsongs kanonisiert werden, wird aufgezeigt, dass Glaube vielfach nicht mit einem inbrünstigen Lobgesang beginnt, sondern vielleicht mit ganz vielen Fragen; dass Menschen mitgedacht werden, die nicht familiär in Glaubensvollzüge hineinwachsen, sondern die erst als Jugendliche oder Erwachsene einen Zugang zum Glauben suchen.
Um die Frage zu klären, was für die Aufnahme von säkularen Popsongs in das EGn spricht, gilt es also umfassender zu erörtern, warum diese Lieder in Gottesdiensten, bei Kasualien und anderen kirchlichen Veranstaltungs-Formaten gesungen und gespielt werden sollten. Wenn nichts dafürsprechen würde, wäre eine Aufnahme ins EGn Papierverschwendung. Wenn es gute Gründe gibt, die Songs liturgisch-thematisch einzusetzen, dann ist eine Aufnahme ins EGn in jedem Fall geboten, um die Perspektiven Zugang und Repräsentanz nicht einzuschränken.
1. Evangelisch inklusiv: Das neue Gesangbuch öffnet sich
Die Kommission versteht das neue Gesangbuch ausdrücklich als evangelisches Gesangbuch, nicht nur als reines Kirchenliederbuch; es soll also auch Songs abbilden, in denen sich Glaube und Religiosität der Gesamtgesellschaft spiegeln. Dabei geht es darum, Menschen in den Blick zu nehmen, die nicht kirchlich sozialisiert und die trotzdem auf Sinnsuche sind – immer unter der Annahme, dass der Mensch grundsätzlich religiös ist. Religiosität meint dabei sehr weit gefasst eine „Bezogenheit auf das Unendliche“ (Jung 1971, S. 327), oder „die Fähigkeit zur Andacht“, die Tilmann Moser als „menschliches Grundgefühl“ bezeichnet (Moser 2003, S. 23). Es geht also um Menschen auf Sinnsuche, die das evangelische Gesangbuch in den Blick nehmen will. In einer zunehmend „religiös unmusikalischen“ (Weber 1994, S. 63-66) Gesellschaft sollen bekannte Popsongs mit religiösen Motiven als Andockpunkte dienen, weil viele Menschen diese Lieder kennen, ohne in kirchlichen Milieus zu Hause zu sein.
2. Lebenswelt statt Blase: nicht nur eine sächsische Antwort
Die Konzeption Kirchenmusik, 2025 von der Synode der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens verabschiedet, betont, dass die Kirchenmusik „Teil der Welt“ und „mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Erwartungen konfrontiert“ ist. Das Gesangbuch als Quelle von programmatischer Kreativität und vielfach Grundlage kirchenmusikalischer Arbeit sollte diesem Anspruch demnach auch gerecht werden. Die sog. Handlungsempfehlungen, die den Punkt VI „WELT in der KIRCHE gestalten“ konkret ausführen, nehmen dabei auf, was in gut besuchten Gottesdiensten mit Musik von Taylor Swift und Coldplay oder Pop-Chor-Wochenenden mit Konzertformaten zu Popsongs inklusive Predigten zu den gesungenen Film-Hits und Songs schon gelebte Praxis ist:
"Geeignete Anbindungsformen für nicht kirchlich gebundene Menschen sowie Chöre und Projekte, welche sich mit geistlichen Werken auseinandersetzen, werden empfohlen.“ (Konzeption Kirchenmusik 2025)
Dabei ist festzustellen, dass diese Formate großen Zuspruch und rege Beteiligung erleben und vielfach Menschen kommen, um zuzuhören oder mitzusingen, die keine oder kaum kirchliche Bindung haben. Sie kommen, weil sie die (säkularen) Songs mögen – den Sound, den Spirit, die Gefühlswelt oder weil sie biografische Lebensmarker damit verbinden. In den gottesdienstlichen oder konzertanten Formaten kann das, was in den Songs transportiert wird, schließlich geistlich gedeutet werden. Der Fokus wird dabei von den Künstler-Stars abgezogen und stattdessen werden die Gefühle, Geschichten und Wahrheiten, die in den Songs poetisch artikuliert werden, in den biblischen Kontext gestellt. Folgen die kirchlichen Akteure dieser Systematik, beugen sie einer Vereinnahmung der mutmaßlich nicht geistlich gemeinten Songs vor. Es wird nichts in die Songs hineininterpretiert, oder den Künstlerinnen und Künstlern eine religiöse Intention unterstellt. Stattdessen fokussieren die Interpretation und Deutung auf die Darstellung, wo und in welcher Art und Weise die Palette menschlicher Gefühle und Fragen, die in den Songs aufgezeigt werden, auch in der Bibel zu finden sind und welche Antworten dort gegeben werden. Können in solch einer Veranstaltung die Songs auch aus dem aufgeschlagenen evangelischen Gesangbuch gesungen oder mitgelesen werden, entsteht eine ästhetisch-materialistische Verbindung, die beides repräsentiert: „Kirche“ und „Welt“. Im besten Fall mündet es bei den Singenden in die Erkenntnis, die die Konzeption Kirchenmusik als Anspruch formuliert:
„Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern wird empfohlen, geistlich-künstlerische Antworten auf gesellschaftlich relevante Fragen zu suchen und zeitgemäße, musikalische Ausdrucksformen des Glaubens zu erproben.“ (Konzeption Kirchenmusik 2025)
Diese Bezogenheit auf die Lebenswelt der Menschen ist sicher nicht nur in der kirchenmusikalischen Praxis der Landeskirche Sachsens ein fruchtbarer konzeptioneller Ansatz.
3. Alltags-Poesie: Pop ohne Gott, aber mit Glaubensfragen
Popsongs nutzen zuweilen sprachliche Bilder, die im kirchlichen Kontext bisher nicht vorkommen, die aber zeitgemäß ausdrücken, was geistlich gemeint ist. Popsongs bieten mit ihren Alltagsgeschichten Anlass, lebensnah und immer wieder neu über Gott nachzudenken.
Geistlich-konnotierte Begriffe wie Gott, Jahwe, Sünde, Jesus, Lamm oder Juda werden ausgespart. Christliche Symbolik wird in sprachlichen Bildern transportiert, die bei allen Menschen – auch denjenigen, die nicht bibelfest sind – religiöse Gefühle wecken können. So findet man im Sujet der Seefahrt das unendliche Meer, Stürme und das Ankommen im Hafen als Sinnbilder für das Auf und Ab des Lebens, die Bezogenheit auf das Unendliche und den Tod. Im Themenkreis des Gebirges findet man den Blick über die unerreichbaren Gipfel als metaphysische Erfahrung von Winzigkeit angesichts der unbegreiflichen Berge genauso wie der Weg in die Berge als Symbol für Aufbruch und Neuanfang oder das Ankommen am Gipfel („endlich!“) als Sinnbild für Tod und Ewigkeit. Aber auch alltägliche Szenen, die jede und jeder von uns kennt, werden zu Bildern, die unsere religiöse Gestimmtheit wecken können, die im besten Fall Glauben stiften können.
Der Song „Darauf vertrau ich“ von Matthias Lemme und Arne Vogeler – bereits in der Vorauswahl für den bayrisch-sächsischen Anhang des EG – ist durch seinen Ursprung im Monatsliedprojekt der Nordkirche zwar religiös intendiert, zeigt aber exemplarisch, wie Alltagspoesie ohne religiöse Sprache einen Erfahrungsraum für christliche Symbolik erzeugen kann. Der Song zeigt in drei Strophen die drei Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses auf: In der ersten Strophe stehen die Zeilen „[…] Du hast alles ausgedacht / und das Licht hier angemacht“ für den Schöpfergott, in der zweiten Strophe deutet „[…] Dass du Scherben wieder klebst / selbst im Tod noch weiter gehst“ auf Jesus, den Auferstandenen hin und in der dritten Strophe ist „[…] Dass dein Geist die Lage dreht […] / Wir sind dann nicht mehr allein, / werden Wahlverwandte sein“ ein Bild für die Gemeinschaft der Heiligen. Das lyrische Ich und das lyrische Du sind interpretierbar. Geht es gerade um mich und einen Freund oder eine Freundin? Oder geht es um mich und Gott? Wer solch einen Liedtext im Gottesdienst singt, verbunden mit der Einladung, den christlichen Glauben zu bekennen, der baut eine Brücke. Die Menschen, die das apostolische Glaubensbekenntnis kennen, werden es neu entdecken. Und die Menschen, die selten oder zum ersten Mal in einem Gottesdienst sind, finden in solch einem Liedtext eine verständliche Version des christlichen Glaubensbekenntnisses. Daran können sie mit ihren Alltagserfahrungen anknüpfen und müssen nicht erst die theologische Übersetzungsleistung erbringen, was es bedeutet, dass Christen an einen „eingeborenen Sohn“ glauben, warum er von einer Jungfrau geboren wurde, wer Pontius Pilatus ist und was wohl mit der „Gemeinschaft der Heiligen“ gemeint sei. Religiös unmusikalische Menschen finden in solch einem Songtext eine Vorlage über das nachzudenken, woran sie eigentlich glauben. Vielleicht wächst sogar die Erkenntnis, dass sie auf der Suche sind, worin ihr Vertrauen begründet liegt und nun finden sie mit solch einem Lied die Worte dafür. Dann ist es vielleicht nur noch ein kleiner Schritt dahin, dass sie diesen Worten den Namen Gott „Vater-Sohn und Heiliger Geist“ geben. Religiöse Popsongs vermitteln mit sprachlichen Bildern Glaube unmittelbarer als geistliche Lieder, deren Symbolik häufig voraussetzungsvoll ist.
Zwar findet sich unter den säkularen Popsongs keine adäquate Form des Apostolikums, aber ein Text wie „I believe I can fly, / I believe I can touch the sky“ von R. Kelly kann auf die Frage hinzielen, was jede und jeder einzelne wirklich glaubt. Insofern sind Lieder, die explizit religiöser Sprache entbehren, auch und gerade in kirchlichen Zusammenhängen besonders geeignet, als Katalysator zu wirken für eine Suchbewegung nach Antworten auf Sinn- und Glaubensfragen.
4. EGn als Zeitkapsel: Pop für Nachgeborene
Uwe Steinmetz, Jazzmusiker und Musikwissenschaftler, macht sich dafür stark, religiös inspirierte Popsongs in gottesdienstliche Liturgie zu integrieren:
„Gottesdienste, die Popmusik integrieren, sind nicht der verzweifelte Versuch, Elemente des Zeitgeistes zu kopieren, sondern Dokumente der Zeitzeugenschaft, eines angstfreien kirchlichen Feierns, nicht für die Ewigkeit, sondern für und mit dem Nächsten.“ (Steinmetz 2022)
Dabei sieht er diese Feiern als eine Form von Zeitzeugenschaft und man kann diesen Ansatz auch für den Gesangbuch-Prozess fruchtbar machen: Waren die Gesangbücher nicht schon immer Zeitzeugen musikalischer Traditionen? Warum sollte das neue Evangelische Gesangbuch nicht auch Lieder enthalten, die religiös inspirieren und Glauben stiften können, aber außerhalb der Kirchen-Bubble entstanden sind? In 50 Jahren schlägt man vielleicht das EG auf und stellt fest, dass die Protestanten 2028 einen wirklich weiten Glauben hatten!
5. Pop als Gegenüber: Choräle brauchen Hits
Dass Steinmetz Popmusik als Bereicherung für den evangelischen Gottesdienstes sieht, heißt nicht, dass nach ihm nur noch Songs von Herbert Grönemeyer, Leonhard Cohen und Jimmy Hendrix erklingen sollen. Im Gegenteil! Er plädiert dafür, den religiösen Popsongs ein „starkes Lied von Paul Gerhardt“ gegenüber zu stellen. (Steinmetz 2022) Das könnte ein Impuls für die Mitglieder in den Gesangbuch-Ausschüssen sein, die für die Komposition und Zusammenstellung der Lieder und Seiten zuständig sind. Den säkularen Popsongs sollten inhaltlich ergänzende Texte oder entsprechende Lieder aus dem Schatz der Kirchenmusik-Tradition gegenübergestellt werden. Und es kann eine Spur legen für all diejenigen, die sich überlegen, wie sie einen Popsong in den Gottesdienst integrieren. „Ist da jemand“ von Adel Tawil könnte bspw. beantwortet werden durch Paul Gerhardts Lied „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“ (EG 1994, Nr. 351), denn da heißt es: „Nun weiß ich und glaub feste, / ich rühm‘s auch ohne Scheu, / daß Gott, der Höchst und Beste, / mein Freund und Vater sei / und daß in allen Fällen / er mir zur Rechten steh / und dämpfe Sturm und Wellen / und was mir bringet Weh.“ Ein solcher Choral gibt eine christliche Antwort auf eine Frage, die ein säkularer Popsong stellt.
6. Pop als Brücke: Von Spotify zur Kirche
In einer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft können bekannte Popsongs mit religiösen Motiven als Andockpunkte dienen, weil viele Menschen diese Lieder kennen, ohne in kirchlichen Milieus zu Hause zu sein. Und dann kommen diese Menschen in evangelische Gottesdienste. Vielleicht, weil Taylor-Swift-Gottesdienst als Überschrift steht. Oder sie folgen einer Einladung zu einem Musical-Chor-Wochenende. Vielleicht kommen sie aus einem Lebenswende-Anlass: Schuleingang, Konfirmation, Hochzeit, oder eine Trauerfeier. Und dann hören sie ein Lied, das so offen ist, dass sie andocken können, ohne Gott zu kennen. Aber sie kommen in Kontakt mit ihrer Sinnsuche, mit ihrem Bezogensein auf das Unendliche, mit ihrer Fähigkeit zur Andacht. Und dann finden sie das Lied in einem Gesangbuch zwischen Gebetstexten und Liedern, die von Gott erzählen und was Menschen von ihm glauben. Das kann ein wichtiger missionaler Moment sein. Eine Kontaktaufnahme. Das Gesangbuch kann dabei eine Brücke bauen. Vielleicht ist es ein Türöffner oder der erste Schritt auf dem Glaubensweg. Auf jeden Fall wird es ein unvergesslicher Moment, oder zumindest Gesprächsthema am Küchentisch sein: Was hatte dieser Song mit Gott zu tun?
Darüber hinaus soll an dieser Stelle der Gedanke stark gemacht werden, dass säkulare Popsongs auch die Perspektive der Christen weiten kann. Mit diesen Liedern wird die „Kirchenblase“ geöffnet und Christen denken sich hinaus. Das Repertoire einer manchmal vielleicht eng geführten Theologie weitet sich um poetische Texte, die daran erinnern, dass es so viele Menschen gibt, die auf Sinnsuche sind, aber ihrem Ziel noch keinen Namen geben können. Das kann man als Wischi-waschi-Glauben abtun und als liberale Häresie, oder als Ausdruck von Mut, von missionaler Haltung und von geistlicher Weite.
7. Weite statt Druck: Säkular-Pop psychotherapeutisch
Ein letzter Aspekt, der es lohnenswert erscheinen lässt, säkulare Popsongs mit religiösen Motiven in den Gottesdienst einzubringen und damit auch im Repertoire des Gesangbuchs aufzulisten, zielt auf eine psychologisch-pädagogische Dimension der Thematik.
Der Psychoanalytiker Tilmann Moser beschrieb in den 1970er Jahren in seinem Buch „Gottesvergiftung“ auf eindrückliche Weise das, was man als „religiöse Neurose“ bezeichnet. Dieser Aufsatz war seine persönliche Verarbeitung einer Kindheit, die von religiös verbrämtem moralischem Druck geprägt war und von einer inneren Verkrümmung, die es ihm als erwachsener Mensch nicht erlaubte, sich frei zu fühlen. Seine Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, von denen er sich mit dem Text zu befreien versuchte, führt er auf eine Art „Gottesvergiftung“ zurück. (Moser 2022)
Dabei spielen auch die Lieder des Gesangsbuchs eine Rolle – also des alten EKG, aus dem er vielfach Liedtexte zitiert. In einem für Kirchenmusiker teilweise schwer erträglichen Defätismus kritisiert er das überschwängliche Loben, die Bußlieder und vieles, was ihn an seine Kindheit in einem Pfarrhaus erinnert. Man muss sich beim Lesen immer wieder vor Augen halten, dass Moser vor allem mit der mangelhaften Pädagogik und emotionalen Abwesenheit seiner Eltern, der Pädagogen und der gesamten Gesellschaft, die ihn geprägt haben, abrechnet. Von ihnen wurde Glauben ohne Zweifeln, Loben bis zur Entzückung und auch das Singen der Choräle als Selbstverständlichkeit eingefordert – im Grunde als Ersatz für kindlich-emotionale Bedürfnisse.
Man kann in der Gefahr der religiösen Neurose, die Moser vorstellt, den Hinweis auf eine Übertreibung und Einseitigkeit sehen, die in allen Lebensäußerungen auftreten kann, im religiösen Bereich aber besonders nachhaltige Auswirkungen auf die Psyche von Menschen haben kann. Um diese Verantwortung wissen alle, die religionspädagogisch arbeiten und so sollten auch kirchmusikalisch Verantwortliche sich immer wieder bewusst machen, dass Lieder und Musik Wirkung entfalten – im Guten wie im Schlechten.
Mosers Text zeigt auf, dass sich „religiös übertriebene Musik“ nicht nur in der modernen Lobpreis- und Worship-Szene finden lässt, sondern sich auch in altbekannten Chorälen manifestieren kann. Denn auch und gerade in ihnen steckt ja Theologie und religiöse Emphase! Die sprachlichen Bilder der alten Choräle sind manchmal in ihrer Wirkung vielleicht nur abgedämpft, weil ein Schleier der historischen und sprachlichen Distanz über ihnen liegt. Ein moderner Lobpreissong wirkt vielleicht nur eindrücklicher, wenn die richtige gefühlige und eingängige Musik einen einfachen und sich ständig wiederholenden Text begleitet.
Aber auch ein Lied von Paul Gerhardt oder Gerhard Tersteegen kann religiösen Druck ausüben und moralische Maßstäbe setzen, die Menschen überfordern. Oder zumindest können diese Lieder der Soundtrack einer Familie oder Gemeinde sein, in der viel Unfreiheit herrscht und pädagogische Maßstäbe gegenüber religiösem Eifertum vernachlässigt werden.
Somit ist dem Vorschlag von Uwe Steinmetz, dem Popsong das kraftvolle Lied von Paul Gerhard gegenüberzustellen, hinzuzufügen, dass der alte und kraftvolle Choral möglicherweise auch ein Gegenüber braucht, und zwar eines, dem man keine religiöse Vereinnahmung unterstellen kann.
Lieder, die von einer großen religiösen Weite geprägt sind, gehören daher in Gottesdienste und ins Gesangbuch. Solche Lieder eröffnen einen gedanklichen Spielraum, über Gott nachzudenken und von ihm zu reden, ohne dass der Rahmen und die sprachlichen Bilder und die ganze Theologie gleich mitgeliefert werden. Dadurch entsteht Raum für Menschen, die skeptisch sind und vielleicht schon schlechte Erfahrungen mit Religion und Kirche gemacht haben, wieder ins Gespräch zu kommen – jene, die mit gemischten Gefühlen einen Gottesdienst besuchen und bei geistlichen Liedern lieber schweigen. Ein säkularer Popsong im Gesangbuch kann zeigen, dass eine Gemeinde und eine Kirche niemanden religiös vereinnahmen will, auf Grenzen achtet und keine Gehirnwäsche betreibt, sondern einladend ist und ein weites geistliches Spektrum bietet.
Etwas zugespitzt formuliert: Wichtiger ist die Frage, was dieser oder jener Songtext mit Gott zu tun hat, als die lange Erörterung, was in jenem geistlich und sprachlich voraussetzungsvollen Lied theologisch eng geführt ist.
Verwendete Literatur
Evangelisches Gesangbuch. Leipzig 1994.
Jung, Carl Gustav: Erinnerungen, Träume, Gedanken, Walter-Verlag 1971.
Konzeption Kirchenmusik der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens: https://kirchenmusik-sachsen.de/wp-content/uploads/2022/12/VL-29-Konzeption-Kirchenmusik-2.pdf, Abruf 1.3.2026.
Moser, Tilmann: Von der Gottesvergiftung zu einem erträglichen Gott: Psychoanalytische Überlegungen zur Religion. Stuttgart: Kreuz Verlag 2003.
Moser, Tilmann: Gottesvergiftung, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2022.
Steinmetz, Uwe: Klangrede von Gott: Ein Plädoyer für die gottesdienstliche Integration religiös inspirierter Popmusik, in: ZeitZeichen 3/2022.
Weber, Max: Brief an Tönnies, MWG II/6, S. 63-66. Tübingen 1994.
Weiterführende Literatur
Songandachten für Jugendliche, Band 1-3, Verlag buch+musik, Stuttgart 2018.
Metz, Wolfgang (Hg.): Mit Rock und Pop durchs Kirchenjahr, Ostfildern 2016.